Schwache Signale

Radio war in Deutschland mal das Medium Nummer eins. Heute streitet die Hörfunk-Szene heftig über ein Konzept für die Zukunft, der Digitalisierung hinkt sie hinterher. Verlierer sind die alternativen Formate. Was ist passiert? Eine Spurensuche in der Vergangenheit – und ein Blick in die Zukunft.

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Hier auch zum Nachhören: Unsere akustische Reise durch fast ein Jahrhundert Radio.

Prolog

Michael Krawczyk zögert kurz. Er beäugt die Schallplatte, die er gerade geschickt aus dem Regal gefischt hat. Dann verzieht er die Mundwinkel, brummt etwas vor sich hin und schiebt die Platte zurück an ihren Platz. „Ich hab’s gleich“, ruft er.

In Krawczyks Wohnzimmer hat alles seinen festen Platz. Schallplatten, Tonträger und alte Filmkameras reihen sich in den braunen Holzregalen. Was dort nicht untergekommen ist, stapelt und türmt sich auf dem Boden.

Es ist schon dunkel an diesem Abend. Die Zimmerlampe wirft nur einen schwachen Schein in den Raum, durch das Fenster schimmern die Lichter der Münchner Innenstadt. Doch Krawczyks Finger tänzeln präzise von Platte zu Platte, verharren ab und zu, ehe sie weiterhuschen. Irgendwann packen sie zu. „Ahh“, raunt Krawczyk, zückt eine Platte und sagt: „Das bekannteste Lied des Zweiten Weltkriegs.“

Also legt er Lale Andersons „Lili Marleen“ auf, das der Soldatensender Belgrad ab 1941 jeden Abend um kurz vor zehn in die Kriegsgebiete transportierte. Und während wenig später im Hintergrund die letzten Töne ausklingen, beginnt Michael Krawczyk zu erzählen – von dem Medium, um das sich sein Leben dreht: dem Radio.

Krawczyk, 52, arbeitet seit 1996 beim Bayerischen Rundfunk. Er ist nicht alt genug, um dabei gewesen zu sein, als am 29. Oktober 1923 der Rundfunk in Deutschland auf Sendung gegangen ist. Doch Krawczyk ist ein Radioliebhaber, heute würde man wohl sagen: ein Radionerd. Er weiß unheimlich viel. Die Tonträger, die er auf der ganzen Welt erstanden hat und die sich heute in seinem Wohnzimmer tummeln, dokumentieren die frühe Geschichte des Radios. Es ist aber ihr Besitzer, der diese Geschichte erzählen kann wie sonst kaum jemand.

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Michael Krawczyk ist Radionerd - und arbeitet für den Bayerischen Rundfunk.
Michael Krawczyk ist Radionerd - und arbeitet für den Bayerischen Rundfunk.

Meltzer/M94.5

Revolution aus dem Kasten

Krawczyk hat viele Menschen getroffen, die miterlebt haben, wie das Radio in ihr Leben eingezogen ist. Sie alle berichteten dasselbe: Ein wenig überrumpelt seien sie ja schon gewesen, als da plötzlich, wie durch Zauberkraft, eine Stimme aus einem Kasten schallte. „Damals ist eine Kunstform entstanden“, sagt Krawczyk. Und zwar eine, die außerhalb der kostspieligen Theater stattfand, wo sich die Elite der Gesellschaft bespaßen ließ. Nur zwei Reichsmark verlangte der Staat im Monat als Rundfunkgebühr. Flott eroberte das Radio daher die deutschen Haushalte. Krawczyk glaubt: „Das war eine ähnliche Revolution wie das Internet – auch wenn man mit dem Vergleich sehr vorsichtig sein muss.“

Als Deutschland ab 1933 schließlich in die dunkelste Stunde seiner Geschichte schlitterte, rutschte das Radio mit. „Der Missbrauch des Radios ist so alt wie das Radio selbst“, sagt Krawczyk. Weil der deutsche Rundfunk seit seiner Gründung in staatlicher Hand war, konnte er sich dem Nationalsozialismus nicht widersetzen. Die Formel war simpel: Der Staatschef bestimmt das Programm – „auf ganz legale Art und Weise“, wie Krawczyk anmerkt.

„Radio war damals DAS Medium – Punkt“

Der Radiochef, das war fortan Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister. Er wusste ganz genau, was für ein Instrument er da bespielen konnte. „Das Radio von damals war das, was online heute ist“, sagt Krawczyk, „man konnte jeden erreichen. Es gab ein, zwei, drei Reichssender, die über die halbe Welt ausgestrahlt haben. Der Aufwand war minimal, die Wirkung riesig.“

Selbst das Radio genügte den Nationalsozialisten irgendwann aber nicht mehr, um die grässlichen Visionen voranzutreiben. Deutschland kapitulierte und die Alliierten strukturierten den Rundfunk neu. Das Radio jedoch blieb sehr beliebt. „Heute“, so Krawczyk, „reden wir alle über den letzten Tweet von Donald Trump. Damals haben alle über den letzten Kommentar und das letzte Hörspiel im Radio diskutiert.“

„Es war damals DAS Medium“, sagt er dann, überlegt kurz, atmet einmal durch, um schließlich anzufügen: „Punkt!“

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Eindringlinge im System

Es gab so eine Zeit, irgendwann in den späten 1980er-Jahren, da strampelte Martin Kunz mit seinem Fahrrad abends noch durch München, um Cola-Flaschen zu verstecken. Manche verbuddelte er sogar. Er musste raffiniert vorgehen, denn tatsächlich zogen am nächsten Tag etliche Münchner durch die Stadt, um diese Flaschen aufzuspüren. Vorher lauschten sie aufmerksam dem Radiosender Charivari, der jeden Morgen Hinweise verteilte. Und weil in manchen Flaschen 500-Mark-Gutscheine warteten, hörten sich in diesen Tagen doch einige Münchner die Morgenshow auf Charivari an.

Heute schmunzelt Martin Kunz, 56, inzwischen Chefredakteur von ADAC Motorwelt und ADAC Reisemagazin, über die Geschichte. „Das hatte mit Journalismus nichts zu tun“, sagt er. Doch die Suchaktion sorgte für Aufsehen – und das konnte das Radio ganz gut gebrauchen. Es war nämlich nicht mehr DAS Medium.

In den Wohnzimmern hatten sich ab 1950 die Fernseher eingenistet. Ihre Radios mochten die Deutschen nach wie vor, aber sie konkurrierten nun mit diesem neuen Spielzeug. Und jeder weiß: Neue Spielzeuge sind immer cooler.

Das Radio musste sich verändern – und es veränderte sich auch. Genauer gesagt: Es wurde verändert. Vom Privatradio.

Die Öffentlich-Rechtlichen fragten: Darf man das überhaupt?

Als in den 1980er-Jahren viele private Sender auf den Markt drängten, mischten sie die Szene auf. „Das war eine neue Welt“, sagt Michael Krawczyk. In dieser neuen Welt erhielten viele junge Journalisten eine Chance. Auch Martin Kunz. Früh schlüpfte er in die Redaktion, die den Privatsender Charivari aufbaute. „Wir konnten einfach die Musik auflegen, die uns gefällt“, schwärmt er. Das Monopol der Öffentlich-Rechtlichen bröckelte. „Das waren immer noch die Kings, die Superstars, die 500 Meter Luftlinie entfernt waren“, erinnert sich Kunz, „wir waren die Greenhorns, die Newcomer, die aber super erfolgreich waren.“

Michael Krawczyk startete ebenfalls im privaten Rundfunk. Er volontierte bei der Dienstleistungsgesellschaft für Bayerische Lokal- Radioprogramme, kurz BLR, ehe er sich dem großen BR anschloss. Dort, beim Öffentlich-Rechtlichen, blickten sie zunächst herablassend auf die neuen Konkurrenten. „Es wurde zum Teil ja auch unendlich viel Scheiße gesendet“, sagt Krawczyk. „Leute, die nicht sprechen konnten, sprachen. Leute, die keine Bänder schneiden konnten, schnitten Bänder. Leute, die nicht moderieren konnten, moderierten.“

Und trotzdem: Die Privatsender taten dem Radio gut. Sie entwickelten neue, schnellere Wege, manchmal auch: bessere Wege. „Ein paar öffentlich-rechtliche Kollegen“, so Krawczyk, „haben uns gefragt: ‚Was macht ihr da? Darf man das überhaupt?’“ Es entstand schließlich ein Konkurrenzkampf – „und das war höchste Zeit“, wie Krawczyk sagt. Denn: „Das ist wie in jedem System, dass sich jahrzehntelang um sich selbst dreht: Wenn es kein Korrektiv gibt, dann wird es schwierig.“ Das Radio hatte sein Korrektiv gefunden.

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Angeworben

Vielleicht ist Martin Kunz die Episode mit der Flaschensuche so gut in Erinnerung geblieben, weil für Charivari damals jene Strategie perfekt aufgegangen ist, die private Sender strebsam verfolgten: Neue Hörer gewinnen, alte binden und ganz nebenbei noch ein Unternehmen miteinflechten (hier: Coca Cola), das bereit ist, Geld zu zahlen.

Nachdem der öffentliche-rechtliche Rundfunk fast 70 Jahre gefüttert von Gebühren regiert hatte, eroberte jene Frage den Radiomarkt, die bis heute zentral geblieben ist: Wie lässt sich das eigentlich finanzieren?

„Da hat sich dann jeder Sender seine Zielgruppe zurechtgeschnitzt“, sagt Kunz und ergänzt einen Satz, der viel verrät über die damals neue Art des Radiomachens: „Wir haben geschaut, wer werberelevant ist.“ Um auf dem neuen, umkämpften Radiomarkt zu bestehen, waren die Sender nämlich auf Werbung angewiesen. „Wir hatten, denke ich, ungefähr acht bis zehn Minuten Werbung pro Stunde, also ziemlich lange Blöcke“, blickt er zurück. Diese Abläufe verfestigten sich, die Musikauswahl grenzte sich ein: Das Formatradio war entstanden.

„Wir haben Sachen gemacht, die gehen gar nicht“

Die Geldscheine der Industrie lockten – und die Radioanstalten hechelten ihnen hinterher. Als der Autohersteller Fiat ein neues Modell hervorbrachte, sendete Charivari einfach aus dem Verkaufsraum. „Dann haben wir noch ein Interview gemacht und der Händler hat natürlich erzählt, was für ein tolles Auto er da hat“, sagt Kunz. Die Trennlinie zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten verwischte. Heute prangert er das an: „Wir haben Sachen gemacht, die gar nicht gehen.“

Es waren jedoch nicht die Redaktionen, die irgendwann stutzten, sondern die Unternehmen, die sich fragten, wie viele Menschen denn überhaupt aufschnappten, was sie da für teures Geld in die Welt posaunen ließen. Sie fingen also an, belastbare Hörerzahlen zu suchen – und entdeckten die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) mit ihrer großen Messung des Medienkonsumverhaltens: der Media-Analyse (MA).

Die Hörfunknutzung erhob die agma dann übrigens ausgerechnet 1987 erstmals in eigener Tranche – kurz nachdem die werbegeldabhängigen Privatradios auf den Markt gedrängt waren.

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Die Macht der Zahlen

Als die agma die ersten großen Hörfunkzahlen veröffentlichte, begann Michael Meyen gerade in Leipzig Journalistik zu studieren. Er arbeite später selbst noch für den Rundfunk, schlug dann aber die akademische Laufbahn ein. 2002 nahm er eine Professur am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) an.

Prof. Dr. Michael Meyen, 49, sagt: „Die Media-Analyse hat nur einen Zweck: Sie soll zeigen, dass Radio tatsächlich gehört wird und es sich folglich für Werbetreibende lohnt, dort in Werbespots zu investieren.“

„Wir dürfen das nicht mit der Radionutzungsrealität verwechseln“

Dieser Zweck versetzte die Redaktionen in den späten 1980er-Jahren freilich in Aufregung. Denn die Ergebnisse der Analyse hatten stets Konsequenzen. „Wenn die Zahlen nicht stimmten, wurden Moderatoren von jetzt auf gleich gefeuert, Programme wurden komplett umgestellt“, erzählt Michael Krawczyk. „Das tollste Team konnte ein Jahr später das beschissenste Team sein.“ Fiel die Auswertung jedoch gut aus, sei sogar Champagner geflossen.

Solche Details verrät Ina Tenz, 45, nicht. Die neue Programmdirektorin von Antenne Bayern bestätigt aber, dass sich an der Bedeutung der Media-Analyse kaum etwas verändert hat. „Da hängt sehr, sehr viel dran für die Radiosender“, sagt sie. Die Analysedaten bezeichnet sie als „Grundlage der Vermarktung“.

Nun wird das Erhebungsmodell der agma schon länger beanstandet. Die Befragung am Telefon habe zur Folge, dass bestimmte Gesellschaftsgruppen außen vor bleiben, tadeln die Kritiker. Die Analyse sei „sehr ausgefeilt“, entgegnet Ina Tenz, schließlich werden alleine in Bayern 23.000 Menschen befragt. Sie halte das für „sehr repräsentativ und valide“.

Michael Meyen widerspricht ihr. Selbst sehr gute Marktforschungsinstitute hätten am Telefon nur Ausschöpfungsraten von 25 Prozent. Heißt: Nur jeder Vierte macht mit. „Und dann müssen Sie sich nur den Fragebogen anschauen und sehen, wie da die Radionutzung erfasst wird“, sagt Meyen. „Sie müssen sich erinnern, was Sie gestern jede Viertelstunde gemacht haben. Habe ich gegessen und nebenbei Bayern1 gehört? Habe ich die Zähne geputzt und Antenne Bayern angehabt? Da kann man überlegen, wie man selber auf diese Fragen reagieren würde, die viertelstundenmäßig durch den Tag gehen und wie valide das ist, was man dem Interviewer da erzählt.“

„Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Media-Analyse mit der Radionutzungsrealität zu verwechseln“, fordert Meyen. „Das ist eine Konstruktion, die aufgrund des Kräfteverhältnisses im Radioanbietermarkt zustande kommt.“

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Foto: Håvard Wien, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Politische Gefangene

Amadeus Gregor Böhm, 33, weiß, wie es im Nischenmarkt zugeht. Der Münchner fühlt sich dort, wo die Media-Analyse nicht hineinstrahlt, wohl. Böhm gilt als einer der Entdecker der Indie-Band Exclusive, gründete zudem das Plattenlabel flowerstreet records. Das sind freilich Nischenprodukte, in der Szene aber kennt man sie gut.

Wer sich in der Nische bewegt, beschäftigt sich auch mit ihr. Böhm hört sich nicht nur durch die Radioprogramme, der die Statistiken große Beliebtheitswerte bescheinigen. Er kennt die alternativen Formate. Und irgendwie hatte es zwischen beiden Extremen ja schon immer ein Zusammenspiel gegeben, eine Symbiose. „Das Nischenradio ebnet ganz oft den Weg fürs Formatradio, weil die meisten Bands irgendwo klein anfangen oder aus der Nische rauskommen“, sagt Böhm. „Die Nische wird dann zum Mainstream.“

„Radio soll ein geeignetes Umfeld für die Werbespots liefern“

Nur driften Nischen- und Formatradio derzeit immer weiter auseinander. Prof. Dr. Christoph Neuberger, 52, untersucht an der LMU den Medienwandel. Über das Radio sagt der Kommunikationswissenschaftler: „Es gibt eine Verengung, vor allem was die Musikfarbe angeht. Man experimentiert nicht mehr.“ Gespielt werde nur, was auch sicher gut ankomme. Die eigene Plattform an unbekannte Bands abzutreten, erscheine den meisten als zu großes Risiko. „Das Radio“, so Neuberger, „wird zugeschnitten auf ein Begleitmedium, das ein geeignetes Umfeld für die Werbespots liefern soll.“

Die Verlierer dieser Entwicklung sind die alternativen Formate. Ihnen fehlt schlicht das Geld, um auf dem Markt zu bestehen.

Ein wenig seltsam ist das schon, wo der digitale Fortschritt doch verspricht, Nischen zu schaffen und zu fördern – und nicht sie zu vernichten. Noch seltsamer aber ist: Der Hörfunk besitzt eine Plattform, die mit diesem Versprechen angetreten ist. Sie heißt Digital Audio Broadcasting, kurz DAB. Sogar eine fortgeschrittene Version besteht: DAB+. Dort, abseits des klassischen UKW-Netzes, sollen sich die alternativen Programme entfalten. Nur: „Die Masse der Menschen weiß noch gar nicht, dass es Digitalradio gibt“, kritisiert Michael Richter, Vorstandsvorsitzender der bundesweiten Digital Radio Plattform. Und nicht wenige zweifeln, dass diese Einschätzung erst einmal bestehen bleiben wird.

Der Digitalisierung hinkt der deutsche Hörfunk hinterher. Andere europäische Länder haben DAB+ längst zum Standard erhoben. In Deutschland ist er schon an den ersten Hindernissen hängengeblieben. Der Streit um die Zukunft ist nämlich politisch.

„DAB+ kann nicht gelingen ohne Abschaltzeitpunkt für UKW“

Wenn es politisch wird, geht es meistens auch um viel Geld. Und tatsächlich: Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (Kef) schätzt, dass sich die Kosten des Projekts DAB+ bis 2025 für die ARD auf 349 Millionen Euro und für das Deutschlandradio auf 235,4 Millionen belaufen werden. Michael Richter versteht das Geld als Verpflichtung: „Die Öffentlich-Rechtlichen müssen den Weg vorbereiten, sodass die privaten Veranstalter einen Markt haben, wo der Nutzer vorbereitet ist.“

Nur garantiert Geld alleine nicht, dass DAB+ sich auch durchsetzt. In ihrem Bericht hielt die Kef 2016 fest: „Der Umstieg auf das im Vergleich zu UKW kostengünstigere DAB+ kann nicht gelingen, wenn es nicht zu klaren Festlegungen von Bundesregierung, Bundestag und Ländern zu DAB+ kommt und ein realistischer Abschaltzeitpunkt für UKW beschlossen wird.“ Und auch Michael Richter fordert Beschlüsse der Politik, um DAB+ auf dem Markt zu etablieren. Etwa eine Verordnung, die den Verkauf digitaler Radiogeräte regelt.

Derlei Maßnahmen scheinen derzeit aber fast ausgeschlossen. Wie verstreut die politischen Positionen sind, dokumentiert eine DAB-Themenseite der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Ein Gastbeitrag von Jürgen Brautmeier, dem Chef der Landesmedienanstalten in Düsseldorf, und Marc Jan Eumann, Nordrhein-Westfalens Medienstaatssekretär, eröffnete die Debatte. Sie stellten die Sinnhaftigkeit von DAB in Frage. Seitdem hat sich so ziemlich jede Fraktion zu Wort gemeldet. Öffentlich-Rechtliche und Private, Politiker und Wissenschaftler. Sie alle schrieben mit spitzer Feder, bloß getan hat sich nichts. Das Geld fließt weiter, die Zukunft aber bleibt vernebelt.

Und solange die Politik taktiert, rühren sich auch die Hersteller nicht. Der Automobilhersteller Audi etwa teilte auf M94.5-Anfrage mit, DAB+-Geräte nur als Option gegen Aufpreis anzubieten. Der Grund: „Für diese zusätzlichen Funktionen sind weitere Hard- und Softwarekomponenten notwendig. Dies führt zu entsprechenden Mehrkosten in der Entwicklung, Qualitätsabsicherung und Herstellung.“ In Deutschland bleibt die Digitalisierung des Hörfunks in der Nische – und bringt jene in Verlegenheit, die auf sie bauen.

„Das Prinzip Radio, Inhalt nur über Audio, wird überleben“

Michael Krawczyk beobachtet den Streit schon lange. „Das sind harte Fronten, die sich seit Jahren nicht annähern“, sagt er, „das wird noch einige Jahre so weiter trödeln.“ Eigentlich kann es sich der Hörfunk aber nicht leisten zu trödeln. Die Alternativen schießen im Internet schon hervor. Wem es nur um die Musik geht, greift sowieso schon auf andere Plattformen zurück.

Die Hörfunk-Szene steht vor schwierigen Entscheidungen, die momentan keiner treffen möchte. An das Radio, das Medium, das ihn durch sein Leben begleitet hat, glaubt Michael Krawczyk natürlich weiter. „Solange es Menschen gibt, wollen sie noch Menschen hören.“

Und auch der Medienwissenschaftler Michael Meyen prophezeit: „Das Prinzip Radio, Inhalt nur über Audio zu konsumieren, das wird überleben.“ Nur das Wo und das Wie stellt er ernsthaft in Frage.


Disclaimer: Michael Krawczyk ist Mentor der M94.5-Nachrichtenredaktion. Michael Meyens Sohn arbeitet bei M94.5.

Redaktion Lukas Bergmann, Miriam Fendt, Lukas Graw, Simon Kerber, Carolin Lenk, Christopher Meltzer
Programmierung/Gestaltung Benedict Witzenberger
Projektleitung Christopher Meltzer
Mit Dank an Aesop Story Engine, Datawrapper und Longform.
Eine Produktion von afk M94.5.
Impressum

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