München in Zukunft

Was bringt die Zukunft? Klimawandel? Super-Moskitos? Atomkrieg?

Es gibt unzählige Szenarien, wie die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre sich auf der Erde gestalten könnten, genug um tausende Bücher damit zu füllen – nicht zuletzt, weil sich die Zukunft alle paar Jahre zu ändern scheint. Doch bei all dem Großen und Ganzen bleibt eins ab und zu auf der Strecke: Die Zukunft des Kleinen. Oder zumindest: Die Zukunft des Lokalen.

In diesem Webspecial stellen wir euch vor, was mit München wohl in den nächsten Jahrzehnten passieren wird. Wie wird sich die Bevölkerung entwickeln? Welche Technologien werden wir benutzen? Und was wird getan, um München umweltfreundlich zu machen – damit überhaupt eine Zukunft existiert, in die die Landeshauptstadt hineinwachsen kann?


Die Menschen

Gleich zu Beginn eine Vorhersage, mit der die meisten bereits von alleine rechnen: München wächst. Schon jetzt scheint die Landeshauptstadt manchmal aus allen Nieten zu platzen, die Mieten segeln auf Rekordniveau. Doch das heißt nicht, dass die Stadt sich allmählich leert. Im Gegenteil: München ist voll, bleibt voll und wird Prognosen zufolge sogar noch voller.

Diese kommende Entwicklung lässt sich relativ einfach erklären. München ist nach wie vor eine der attraktivsten Städte in Deutschland – wenn nicht gar Nummer Eins. Vielfältige Berufschancen und kulturelle Angebote, sowie der hohe Lebensstandard lassen da den Frust über die hohen Mieten schnell in den Hintergrund rücken.

Besonders für junge Familien ist München ein beliebtes Ziel: Im Jahr 2014 wurden in München 16.450 Kinder geboren – während nur 10.793 Menschen starben. Ein solcher Geburtenüberschuss ist in der insgesamt schrumpfenden deutschen Bevölkerung selten – insbesondere ein so eindeutiger. Dass der Überschuss so stark ausfällt, ist sogar seit den 1960er Jahren nicht mehr vorgekommen.

Aber nicht nur die vielen Geburten treiben die Einwohnerzahl in die Höhe. Auch die allgemeine Lebenserwartung steigt – die Münchner leben immer länger. Das verhindert trotz der vielen neuen Kinder, dass die Landeshauptstadt dem demographischen Wandel komplett trotzen kann. Denn die Stadt altert.

Im Vergleich zum Rest von Bayern sind die Sorgen um eine alternde Gesellschaft in München aber nicht allzu akut. Deutsche Großstädte können sich dank des starken Zuzug von jungen Menschen in der Regel ohnehin besser halten als Gebiete auf dem Land, aber dazu kommt in München noch die außergewöhnlich hohe Geburtenrate. Was nicht heißt, dass der demographische Wandel ganz spurlos an der Stadt vorbeizieht…

Was all diese Zahlen noch nicht berücksichtigen: Die außergewöhnlich hohe Anzahl von Flüchtlingen seit dem letzten Jahr. Für die Statistiker stellen die eine echte Herausforderung dar – genaue Prognosen sind fast unmöglich.


Die Stadtplaner

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München von oben | Foto: Sophie Dechansreiter

München ist eine Stadt mit langer Tradition und einem beeindruckenden historischem Stadtbild. Damit die Stadt für ihre Bürger auch in Zukunft attraktiv bleibt, muss sie sich aber ständig erneuern. Und Kompromisse finden. Will man mehr Umwelt, muss man am Wohnraum sparen. Will man mehr Wohnraum, gibt es weniger Platz für Freizeitaktivitäten.

Sowohl die Stadt München als auch verschiedene Umweltorganisationen beschäftigen sich schon jetzt damit, das München der Zukunft zu gestalten. Effizient, modern und nachhaltig.


Leitlinien für die Zukunft 

Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung hat für die Zukunft 16 thematische Leitlinien erarbeitet. Dazu gehören neben zukunftsfähigen Siedlungsstrukturen auch die Faktoren sozialer Frieden und Bildung. Geplant sind zum Beispiel Konzepte für neues Wohnen und Arbeiten in der Gegend um die Trabrennbahn in Daglfing im Münchner Nordosten. Oder auch das Kreativquartier in der Dachauer Straße, das Wohnen und Kunst eng zusammenbringen soll.

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Foto: Landeshauptstadt München

Verkehr und Mobilität ist eine Schlüsselfrage für die weitere Stadtentwicklung in München, aber auch in der Region.

Mein Szenario wäre, dass man 2050 nach dem mittleren Ring nicht mehr mit dem normalen Auto in die Stadt fährt.

Elisabeth Merk, Stadtbaurätin

Eine weitere wichtige Leitlinie trägt den Titel Mobilität. Langfristig sollen in der Stadt weniger Autos fahren. So braucht man weniger Platz für Straßen und Parkplätze. Auch Elektromobilität und autonomes Fahren werden das Stadtbild in der Zukunft beeinflussen und Lärm reduzieren. Außerdem ist es wichtig, das öffentliche Verkehrsnetz beispielsweise durch den Ausbau der Stammstrecke, eine Stadtumlandbahn, weitere U-Bahn-Linien (mehr dazu nachher) und Querverbindungen zu verdichten.


Vision von einem grünen München 

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Green City auf dem Streetlife Festival | Foto: Gleb Polovnykov

Andernorts arbeitet man jetzt schon fleißig an der Zukunft: Green City ist eine der größten Münchner Umweltorganisationen. 1990 ursprünglich als kleiner gemeinnütziger Verein gegründet, sind dort mittlerweile 25 Mitarbeiter und über 1.000 Ehrenamtliche beschäftigt. Die Organisation will München grüner und lebenswerter machen. Und das unter vier Hauptzielen, die alle zusammengenommen genau das lebenswerte München beschreiben, auf das wir heute hinarbeiten wollen. Vielleicht sogar zu schön, um wahr zu sein?

Mobilität

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Foto: Michaila Kuehnemann

Wie es auch die Stadt langfristig plant, hat Green City es sich zum Ziel gesetzt, die Anzahl der Autos in München zu verringern und dadurch den Lärm in der Stadt zu reduzieren. Auch Fahrradwege und ÖPNV sollen ausgebaut werden.

Stadtgestaltung

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Foto: Aurel Zimmermann

Für ein grüneres München darf Stadtbegrünung natürlich nicht fehlen. Das heißt: Mehr Grün- und Wasserflächen. So soll etwas für den Klimaschutz, wie auch für nachhaltigere Lebensmittelerzeugung getan werden.

Umweltbildung

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Foto: Su Gin Ong

Um in München für ein stärkeres Umweltbewusstsein zu sorgen, will Green City vor allem Kindern und Jugendlichen schon früh ein Gefühl für den Umweltschutz geben. Daher gibt es zahlreiche Schülerprojekte, zum Beispiel zum Thema „gesunde und umweltfreundliche Ernährung“. Aber nicht nur junge Menschen sind Zielgruppe von Mitmachaktionen, es gibt Angebote für alle Altersgruppen.

Klimaschutz

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Foto: Jasmin Mena Sauterel

Der Kampf gegen die Erderwärmung fängt im Kleinen an – bei Dingen und Entscheidungen im Alltag, die jeder selbst beeinflussen kann: Ein gutes Beispiel dafür sind Kleidertauschpartys. Mit alten, aussortieren Klamotten hingehen und sich zum Tausch andere Kleidungsstücke wieder mitnehmen – und das kostenlos. So leicht geht umweltfreundliches Handeln.


Mit Urban Gardening zur essbaren Stadt?

Wie kann eine Stadt, die so dich besiedelt ist, gleichzeitig voll mit Grünflächen und Gärten sein? San Francisco macht es vor. Organic Food und Urban Gardening florieren hier. San Franciscos Gegenwart – auch Münchens Zukunft? Die Visionen von Umweltaktivisten wie Kevin Danaher klingen faszinierend: Gärten in leerstehenden Schulgebäuden, betrieben von Jugendlichen, die das geerntete Gemüse nebenan auf dem Straßenmarkt verkaufen.

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Ein Gemeinschaftsgarten auf dem Dach einer Kirche in San Francisco | Foto: Sergio Ruiz (SPUR)

Auch in München sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Gärten aus dem Boden gesprossen. Die Städter mit grünem Daumen sind gut vernetzt. Urbane Gärten München heißt zum Beispiel eine Plattform, unterstützt vom Umweltreferat.

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Der Giesinger Grünspitz | Foto: Green City

Für Silvia Gonzalez von Green City ist klar, dass urbane Gärten zukünftig an Bedeutung gewinnen werden.

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Foto: Tobias Hase

Weil es nicht nur um die lokale Lebensmittelerzeugung geht, sondern eben um das Miteinander, um Freiräume in der Nachbarschaft.

Silvia Gonzalez, Green City

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Dachgärten in München | Foto: Wolfgang Heidenreich

München ist die am dichtesten besiedelte Großstadt Deutschlands. Trotzdem gibt es hier Orte, an in denen urbane Gärten weiter wachsen. In Freiham entstehen neue Wohnkomplexe und die Bewohner haben sich schon jetzt für integrierte Gemeinschafts-Gärten ausgesprochen. Auch Dachgärten sind im Kommen. Auf dem Dach des Gasteigs stehen schon jetzt Bienenstöcke – in Zukunft vielleicht auch Gemüsebeete? Da bekommt „Radieschen von unten Anschauen“ eine ganz neue, lebendige Bedeutung.

Wer sich selbst einmal über den Stand der Dinge in München informieren möchte: Auf der Homepage des Netzwerks Urbane Gärten München gibt es eine interaktive Garten-Karte – alle urbanen Gärten sind hier eingezeichnet.


Die Techniker

Werden wir im Jahr 2030 endlich auf dem Zurück in die Zukunft-Hoverboard in die Stadt schweben? Wahrscheinlich leider nicht. Aber das heißt nicht, dass die Technologien der Zukunft nicht trotzdem einiges zu bieten haben. Ob in München oder anderswo.


Eine neue MVG

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Foto: M94.5

Durch das starke Bevölkerungswachstum und die damit einhergehenden steigenden Fahrgastzahlen stoßen auch die öffentlichen Verkehrsmittel langsam an ihre Grenzen. Die MVG schultert heute 100 Millionen mehr jährliche Fahrten als noch vor 10 Jahren. Vor allem während des Berufsverkehrs wird das bei den Fahrgästen bemerkbar. Es wird Zeit zum Handeln.

Irgendwann in einigen Jahren wird der Punkt erreicht sein, an dem alle bestehenden Kapazitäten ausgeschöpft sind.

– Matthias Korte, MVG

Aktuell ist es noch möglich, durch zusätzliche Wagons und engere Takte Platz für mehr Fahrgäste zu schaffen. Irgendwann wird aber der Punkt erreicht sein, an dem die Kapazitäten vollkommen ausgeschöpft sind. Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit: Der Bau neuer Strecken. Die zweite Stammstrecke ist schon seit Jahrzehnten in Planung, in etwa 10 Jahren soll auch eine neue U-Bahn-Strecke kommen: Die U9. Sie soll mitten durch München verlaufen und so zusätzliche Querverbindungen schaffen.

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Foto: Münchner Verkehrsgesellschaft

Eine weitere Zukunftsvision für den öffentlichen Verkehr sind fahrerlose U-Bahnen. Diese sind für das bestehende U-Bahn-Netz in München vorerst nicht vorgesehen, denn die technische Umrüstung, die dafür nötig wäre, ist schlichtweg zu teuer. Bei neu gebauten Strecken, wie beispielsweise der geplanten U9, könnten sie aber eine Option sein.

Doch die deutlichsten Veränderungen könnten in der Art kommen, wie wir den MVV benutzen. Flexibilität wird immer wichtiger, warum nicht mit einer Fahrkarte einfach von der U-Bahn auf ein öffentliches Auto oder Fahrrad wechseln können? Oder wenn man den Weg zu einer Veranstaltung plant, warum nicht die Eintrittskarte direkt per MVG-App kaufen oder genauere Informationen herausfinden?


Roboter statt Menschen?

Keine Stadt ist eine Insel – und selbst bei einem Müxit wäre München nicht in der Lage, sich der technischen Neuerungen der Welt zu entziehen. Und dazu gehören natürlich Roboter. Maschinen und Roboter werden immer leistungsfähiger und übernehmen zunehmend Arbeiten, die bislang nur von Menschen ausgeführt werden konnten. Das geht so weit, dass in den kommenden Jahren über die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt werden könnten. Kurz gesagt: Alle Arbeitsplätze, die stark routiniert und durchstrukturiert sind, sind gefährdet.

Insgesamt sind unter 30,9 Millionen Menschen, deren Berufsgruppen untersucht wurden, 18,3 Millionen in Gefahr, Roboter-Konkurrenz in ihrem Job zu bekommen.

Maschinen werden aber nicht nur mechanische Arbeiten verrichten oder Daten analysieren. Auch im Service-Bereich könnten sie in Zukunft verstärkt eingesetzt werden. In Japan hat bereits letztes Jahr das erste Hotel eröffnet, in dem es gar keine menschlichen Mitarbeiter mehr gibt.

Man kann nur darüber spekulieren, wie das Münchner Äquivalent zu solchen Bildern aussehen könnte. Voll-automatisierte Biergärten scheinen noch halbwegs vorstellbar, aber an der Aufgabe, betrunkene Wiesngänger aus dem Zelt zu begleiten, würde wohl selbst der höchstentwickelte Roboter verzweifeln.

Ganz ersetzen können Maschinen den Menschen also nicht. Unter anderem wegen ihrer  Fähigkeit, auf Erfahrungen zurückgreifen zu können, haben wir einen entscheidenden Vorteil.

Zum Menschen gehört mehr als sein Gehirn. Ein Computer, der eine dem Menschen analoge Erfahrungswelt aufbauen soll, der müsste mehrere Jahre in einer menschlichen Gesellschaft als Gleichberechtigter aufwachsen.

Andreas Butz, Lehrstuhl Mensch-Maschine-Interaktion LMU

Wir lernen: Wenn die Roboter kommen, müssen wir sie tüchtig diskriminieren. Der Wiesn zuliebe.


Lust auf ein Quiz zum Schluss?

Auch die Münchner Tierwelt verändert sich. Aber wie? Versucht euch an unserem Quiz!


Ob fahrerlose U-Bahnen, Radieschen auf den Münchner Dächen oder dank der steigenden Bevölkerung noch höhere Mieten… Für Aufregung ist in der Zukunft reichlich gesorgt. Zumindest, soweit wir das jetzt sagen können. Ob all das auch tatsächlich in Erfüllung gehen wird, ist natürlich eine andere Frage – und die lässt sich letztendlich nur mit einer Zeitmaschine beantworten.

Aber wenn ihr in zehn Jahren ein Wildschwein über die Leopoldstraße spazieren seht… Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt.


Redaktion: Gregor Schmalzried, Rebekka Markthaler, Annina Mitterreiter, Sophie Dechansreiter, Kari Kungel, Elisabeth Ries, Johannes Lenz
Eine Produktion von afk M94.5
Impressum

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