Das Kino ist tot – es lebe das Kino!

Dieses Jahr verliert München wieder zwei seiner ganz besonderen Filmtheater. Noch gibt es einige davon, aber die Vielfalt ist durch unaufhaltsam steigende Mietpreise und Besucherschwund bedroht. Höchste Zeit für einen Streifzug durch die Münchner Filmkunstkinos.

Eine gewaltige Explosion – die Wände der beiden bunten Altbauten fallen krachend in sich zusammen. Und als sich der Rauch verzogen hat, starren der gierige Hausbesitzer und sein skrupelloser Anwalt ungläubig auf die gemalte Hausfassade, die hinter den Trümmern auftaucht. „Hier haben sie ihr Scheißhaus!“ steht da in roten Buchstaben. Siegfried Daiber ist kein Mann der großen Worte, aber warum er die kolumbianische Tragikomödie „Die Strategie der Schnecke“ als den letzten Film ausgewählt hat, der an diesem Abend in seinem Kino läuft, liegt auf der Hand. Nach 104 Jahren muss das „Maxim“ an der Landshuter Allee nun endgültig schließen. Die Mieterhöhung, die der Eigentümer nach dem Auslaufen des alten Mietvertrages verlangt hat, kann Daiber nicht finanzieren. 3.700 Euro warm sollte er im Monat bezahlen und das geht nun einmal nicht, wenn man ein Nischenkino ist und keinen Profit macht.

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Politisches Kino: Der Eingang zum Maxim

Sarah Maier

In der „Strategie der Schnecke“ nehmen die Hausbewohner, die vor die Tür gesetzt werden, ihr Haus einfach mit. Nachts bauen sie es Stein für Stein ab, laden es auf Karren und fahren es an einen neuen Ort. Alle halten zusammen und erst dadurch gelingt das Ganze. Daiber sieht zwar so ähnlich aus wie die Hauptfigur des Films – Jacinto, der hinter der Strategie steckt – lässt sich im Gegensatz zu diesem aber nur ungern helfen. Auch das Kassieren und Getränke Verkaufen vor dem Film macht er lieber alleine, auch wenn die Schlange schon ziemlich lang ist.
Er ist ein Sturkopf, der weiß, dass er auf der richtigen Seite steht. „Ich stamme aus einer Zeit, in der politisches Kino noch eine Rolle gespielt hat“, raunt er in seinen weißen Bart. Die Stadt habe sich verändert und die Leute, die ins Kino kommen, seien mit ihm älter geworden. Die Jüngeren hätten kein Interesse an engagierten Filmen, wie Daiber sie nennt. „Es sei denn, sie werden in Hollywood produziert“, sagt er zynisch.

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Siegfried Daiber vom Maxim-Kino

Sarah Maier

Obwohl die letzte Vorstellung weder auf der Homepage noch auf Facebook angekündigt worden ist, sind an diesem letzten Abend alle der alten Kinosessel besetzt. Andächtig genießt man die etwas schäbige Erhabenheit des kleinen und einzigen Kinosaals im Maxim. So sollte es immer sein, aber: „So voll wie heute ist es normalerweise nur einmal im Jahr“, sagt Daiber als Abschied zum Publikum. „Ich mache es kurz, weil ich es immer kurz mache: Vielleicht wird das hier wieder ein Kino, aber ohne mich“.
Siegfried Daiber hat immer nur Filme gezeigt, die er selbst für relevant hielt. Vor allem politische, viele afrikanische Produktionen und Dokumentationen. Fast die Hälfte seines Lebens hat er seinem Kino gewidmet. Trotz der harten Schale merkt man ihm den Schmerz darüber an, dass er dieses Leben jetzt aufgeben muss, dass es jetzt nicht mehr weitergeht.

 

Bedrohte Kinolandschaft

München ist nach Berlin die Stadt mit den meisten Kinos in Deutschland. Da sind natürlich die großen Multiplexe, die größtenteils Blockbuster und „Popcorn-Filme“ spielen, wie man sie unter Kinobetreibern nennt. Aber es gibt auch Orte, an denen Filmkunst gezeigt wird. Orte, die eine besondere Atmosphäre schaffen – das Kino als der Ort, in dem Filme erlebt werden sollten – eben das Filmtheater.
Aber diese Filmtheater werden bisher nicht vor kommerziellen Interessen geschützt und deshalb hat die wunderbar vielfältige Landschaft der Programmkinos in München große Probleme.

„Bald sieht jede Fußgängerzone aus wie die andere, egal in welche Stadt man fährt.“ – Bruno Börger

„Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht wieder ein, zwei kleinere Kinos den letzten Vorhang fallen lassen müssen“, sagt Bruno Börger von den „City-Kinos“. Er betreibt auch das „Eldorado“ in der Sonnenstraße, das Ende des Jahres die Pforten schließen wird. Der Eigentümer habe gar nicht verhandeln wollen, sondern einfach den Mietvertrag nicht verlängert, erklärt Börger. München fresse immer mehr seiner kleinen Kinos und die vielen kleinen Geschäfte, die doch auch Münchens Ruf als Weltstadt mit Herz ausmachten. „Bald sieht jede Fußgängerzone aus wie die andere, egal in welche Stadt man fährt“, sagt Börger. Und so kommt die ganz große Frage auf: In was für einer Stadt wollen wir in Zukunft leben?

 

„Im Augenblick gibt es keine Instrumente auf städtischer oder kommunaler Ebene“, sagt Börger. Er habe natürlich nachgefragt, ob man das Eldorado nicht irgendwie erhalten könne. Aber Kinos sind nach wie vor wirtschaftliche Unternehmen und nicht unbedingt kulturelle Einrichtungen.

Kinos vor der Zerreisprobe

Maximilian Leuprecht vom Kulturreferat der Stadt München erklärt, dass die Programmkinos für die Stadt sehr wichtig seien. Eine generelle Filmtheaterförderung sei aber nicht möglich, weil die Politik immer nur projektbezogen fördere. „Wir vergeben die Gelder nicht an Institutionen, weil das ja noch keine Garantie dafür ist, dass etwas kulturell Wertvolles dabei herauskommt“, sagt Leuprecht. Die Stadt vergibt stattdessen einmal im Jahr den „Kinoprogrammpreis“. Sechs Kinos werden mit 5000 Euro für ein kulturell besonders wertvolles Programm ausgezeichnet. Ironischerweise war Siegfried Daiber mit seinem Maxim dieses Jahr einer der Preisträger.

Andererseits, meint Leuprecht, sei es natürlich Aufgabe der Kinobetreiber, einen mehrheitsfähigen Geschmack zu bedienen und für gemütliche Sitze und gute Technik zu sorgen. Hier wird das Problem der Kinos deutlich: Wer Einnahmen erzielen will, muss eigentlich funktionieren wie ein kommerzielles Kino, aber kulturell anspruchsvoll soll es trotzdem noch sein.

Dass das für die Kinos eine Zerreißprobe ist, merkt auch Bruno Börger von den City-Kinos. Geld verdienen könne man als Betreiber eines kleinen Kinos mit ein bisschen Anspruch jedenfalls nicht, sagt er: „Da gehört eine ganze Menge Herzblut dazu“.

„Ich kann mir auch zu Hause Nudeln kochen und gehe trotzdem noch zum Italiener.“ – Alexandra Gmell

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Lange Geschichte: die alte Fassade des Gabriel 1936

Sarah Maier

Das weiß auch Alexandra Gmell. Zusammen mit ihrem Vater Hans-Walter Büche führt sie das älteste Kino der Stadt – das „Gabriel Filmtheater“ an der Dachauer Straße. Seit 1907 ist in dem Haus ein Kino und damit kann das Gabriel sogar für sich in Anspruch nehmen, das älteste durchgehend bespielte Kino der Welt zu sein. „Das bringt uns aber nichts“, sagt Gmell trocken. „Deshalb kommen auch nicht mehr Leute“. Sie kommen, weil das Gabriel eine Art Stammlokal im Viertel ist, weil man sich kennt und weil sie die familiäre Atmosphäre schätzen. „Ich kann mir ja auch zu Hause Nudeln kochen und gehe trotzdem noch zum Italiener“, sagt Gmell.
Insgesamt sind die Umsätze von Programmkinos in den letzten zwei Jahren wieder etwas angestiegen, aber für das einzelne Kino hängt es einfach von zu vielen Faktoren ab, ob der Saal voll wird: Vom Wetter natürlich oder ob Deutschland am Abend um die Europameisterschaft spielt.
„Wir sind Gott sei Dank im eigenen Haus. Wenn wir auch noch Miete bezahlen müssten, wären wir schon lange nicht mehr hier“, stellt Gmell fest.

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Sarah Maier

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Sarah Maier

Als Kind hat Gmell nie einen Film im Gabriel geguckt, denn das war eine Zeit lang nur für Erwachsene. „Es war ja zwischendrin ein Porno-Kino“, erzählt die 40-Jährige. Nur so konnte das Filmtheater die erste Kinokrise in den 60ern überleben. Von 131 Kinosälen im Jahr 1958, waren 1971 nur noch 48 übrig. Der Fernseher hatte die Münchner Wohnzimmer überschwemmt. Für „Porno-Graf von Schweden“ und „Frau Wirtin bläst auch gern Trompete“ fand sich noch ein Nischenpublikum, das den Weg ins Kino auf sich nahm. Als Vater Büche sich dann 1994 dazu entschied, wieder normale Filme zu zeigen (Initialzündung soll „Jurassic Park“ gewesen sein, den Bücher auf einer Amerikareise gesehen hat), ist Gmell dann auch gleich eingestiegen. Das Gabriel ist längst ihr zweites Zuhause geworden.

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Das Filmtheater Sendlinger Tor

Foto: M94.5

Alter schützt vor Pleite nicht

Auch das „Filmtheater Sendlinger Tor“ ist fest in der Stadtgeschichte verankert und muss nicht bei dem Gedanken an eine Schmuddelvergangenheit erröten, wie das Gabriel. Ganz im Gegenteil: Hier ist schon der bayerische König Ludwig III. ein- und ausgegangen. Trotzdem liegt es allein in der Hand von Familie Preßmar, ob das Kino weiterhin zu Münchens Stadtbild gehören wird. Ihr einziger Trumpf ist der Status des Filmtheaters als Denkmal. Das hilft zwar nicht gegen Mieterhöhungen, aber immerhin ist der Hauseigentümer daran gebunden, die Funktion und das Erscheinungsbild des Gebäudes zu erhalten. Das schränkt natürlich den Kreis zahlender Kunden etwas ein. Unter Denkmalschutz steht zum einen die Fassade. Schon von weitem leuchten die gemalten Plakate über den Sendlinger-Tor-Platz. Bei dieser alten Technik, erwartet man eher Westernhelden, als Julia Roberts mit Headset-Mikrofon. Aber man sieht daran schon, was das Sendlinger-Tor-Kino ausmacht – der ursprüngliche Flair des Lichtspieltheaters, in dem schon “Vom Winde verweht“ lief, wird eins zu eins in die Gegenwart übersetzt. So hat sich auch der Kinosaal bis auf einige Renovierungen seit 103 Jahren nicht verändert. Rotes Plüsch, schwere Vorhänge und eine edle Loge, für die Ehrengäste gibt es immer noch.

„Ich schließe nicht aus, dass der Kinoprogrammpreis ausgebaut wird.“ – Maximilian Leuprecht, Kulturreferat

Christoph Preßmar führt das Kino zusammen mit seinem Vater in dritter Generation. 2013 haben sie den hundertsten Geburtstag gefeiert. In dem kurzen Film, den die Preßmars aus diesem Anlass gemacht haben, gibt es ein Grußwort vom damaligen Oberbürgermeister Christian Ude. Das Kino sei für München genauso wichtig wie die Kammerspiele und das Opernhaus sagt der ehemalige Bürgermeister darin mit staatsmännischer Ernsthaftigkeit.
Preßmar winkt ab: „Ja, das ist schön, nur werden wir nicht so hoch subventioniert wie Theater. Wenn man diese Summen hört, denkt man sich schon, dass man damit einige Kinos hier hätte retten können“.

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Ein Saal für alle - im Filmtheater am Sendlinger Tor.

Foto: M94.5

Maximilian Leuprecht vom Kulturreferat erklärt, man könne Theater und Kinos nicht miteinander vergleichen. Der Aufwand von Theaterproduktionen sei viel höher als der von Kinos. „Theater können gar nicht rentabel arbeiten“, sagt Leuprecht und: „Theater funktionieren nicht nach kommerziellen Regeln, es gibt keinen Theatermarkt.“ Aber was ist mit Kinos, die eben auch nicht am Markt bestehen können, gerade weil sie etwas Besonderes bleiben wollen? Die Stadt beobachte die jetzige Entwicklung auch mit Sorge, gerade weil ein Kino auch das kulturelle Leben in einzelnen Stadtteilen sehr gut ergänze, sagt Leuprecht. Er kann sich deshalb vorstellen, dass man die jetzige Förderung weiter ausbaut: „Ich möchte nicht ausschließen, dass wir den Kinoprogrammpreis noch einmal im Stadtrat auf die Agenda setzen und überlegen, wie man ihn ausbauen kann, soweit wir die politische Unterstützung dafür bekommen können“, sagt Leuprecht.
Kinobetreiber Christoph Preßmar findet aber, dass nicht nur die Politik gefragt ist. Viele Leute würden sich zwar aufregen, wenn wieder ein Kino geschlossen werde, hätten aber in der letzten Zeit auch keines besucht: „Da muss man sich auch ein bisschen an die eigene Nase fassen.“

Bunte Nostalgie

Auch in der „Theatiner Filmkunst“, dem kleinen Kino in der schicken Passage mitten in der kaufkräftigen Innenstadt, gibt es kurz vor dem 60. Jubiläum keinen Besucheransturm zu vermelden.

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Schick, Schick: Eingang in die Theatiner Filmkunst.

Foto: M94.5

Die Kinobetreiberin Marlies Kirchner ist ebenso scheu wie bezaubernd. Eine Grande Dame des Filmkunstkinos müsste man sagen, denn die 86-Jährige kümmert sich mit ungebrochener Leidenschaft um ihr Kino. Leidenschaft ist ein etwas überstrapaziertes Wort, aber: „Natürlich ist das Leidenschaft“, sagt die zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren und der runden Brille. „Wenn das Licht ausgeht und der Vorhang sich öffnet, dann bin ich bestens drauf. Das könnte ich wirklich machen bis ich umfalle“, sagt sie schmunzelnd.

„Ohne den Birnenkuchen sähe es jetzt noch schlimmer aus.“ – Marlies Kirchner

Jeden Film, der im Theatiner laufen soll, sucht Kirchner selbst aus und hat auch meistens alle gesehen. Am liebsten ist sie immer auf Filmfestivals in ganz Europa gefahren und auch jetzt sitzt sie auf heißen Kohlen, denn sie will den „Olivenbaum“, auf dem Münchner Filmfest nicht verpassen. Viele französische und spanische Filme stehen im Theatiner auf dem Programm, meistens im Original mit Untertiteln. Was Kirchner aber stört, sind die französischen Sommerkomödien, die sie jetzt ständig spielen muss, weil sie mittlerweile auch als Arthouse vermarktet werden. „Birnenkuchen mit Lavendel“, war so einer in diesem Jahr. „Ich meckere jetzt immer so viel rum an neuen Filmen. Das habe ich früher nicht gemacht. Jetzt gibt es immer was zu meckern“, sagt Kirchner nachdenklich.
Wer das denkmalgeschützte Foyer der Theatiner-Filmkunst betritt, ist gleich umgeben von Filmen, an denen es nichts zu meckern gab. Die alten Plakate aus den sechziger und siebziger Jahren ziehen sich als buntes nostalgisches Band unter der Decke entlang.

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Das Foyer des Theatiner Filmkunst

Zwischen Antistresskomödie und Problemfilm

Kirchners Mann, Walter Kirchner, hatte 1953 die geniale Geschäftsidee Filmverleiher und Kinobesitzer in einem zu werden. Er kaufte die Streifen für die „Neue Filmkunst“ einfach ein und konnte sie in seinen Kinos direkt zeigen, wann und solange er wollte. Mit diesem außerordentlichen und unangepassten Programm konnte sich das Theatiner lange gegen die Konkurrenz der Multiplexe behaupten.
„Die Leute wollen heute vor allem Amusement. Und das kann man nun nicht ausschließlich machen, aber man braucht es eben um überhaupt das Kino aufrecht zu erhalten. Wenn wir den Birnenkuchen nicht gehabt hätten, dann sähe es noch schlimmer aus“, sagt Kirchner und klingt dabei das erste Mal ein bisschen müde. Denn leicht ist es natürlich nicht, ein so kleines Kino mit nur einer Leinwand über Wasser zu halten, da helfen auch keine Zeitreisen-Atmosphäre und kein 60er-Jahre-Schick.

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Der Kinosaal im Theatiner ist aus der Zeit gefallen.

Sarah Maier

Kirchner zeigt trotzdem immer noch „Problemfilme“, wenn sie die für wichtig hält, auch wenn sie sich von ihren in die Jahre gekommenen Stammkundinnen dann häufiger mal eine Beschwerde anhören muss.
Auf der Suche nach dem Kino ohne Geldsorgen muss man in München schon um viele Ecken gehen. Es gibt das Kino im Stadtmuseum, das sozusagen eine Abteilung des Museums ist und staatlich bezuschusst wird. Das sei aber eine Ausnahme, sagt Maximilian Leuprecht. Eine solche flächendeckende Förderung sei finanziell nicht zu stemmen.

„Eigentlich passt das Werkstattkino nicht mehr in dieses Viertel.“ – Bernd Brehmer

Wie viel Platz ist in München also noch für Querdenker wie Siegfried Daiber vom Maxim und Marlies Kirchner vom Theatiner? Es gibt ihn, aber er wird immer enger. Das ist auch im „Werkstattkino“ zu spüren. Wie eine Bastion der Subkultur, die hier früher so heimisch war, hat das Kellerkino in einem Hinterhof im Glockenbachviertel überlebt. Aber die frischgestrichene Rückfassade des schicken Vorderhauses rückt bedrohlich nahe. Die Mietpreise sind hier in letzten Jahren rasant angestiegen. Die neuen Balkone glänzen fast höhnisch auf das improvisierte Durcheinander im Kellereingang. Ein altes rotes Plüschsofa steht da, beladen mit allerlei Flyern und Krimskrams.

Platz für Schnörkel

Das Werkstattkino ist Untermieter der Gaststätte Fraunhofer, erzählt Bernd Brehmer, bisher ist die Miete deshalb kein Problem. „Solange uns der gute Wirt Beppi Bachmaier erhalten bleibt, sollte sich daran auch nichts ändern“, sagt Brehmer. Hoffentlich, denn sonst wäre es schwierig das Konzept des Werkstattkinos aufrecht zu erhalten. Brehmer ist eines der fünf Vereinsmitglieder, die zusammen das Kino betreiben: Wacko, Dolly, Wolfi und Thomas gehören auch dazu. Seit 1976 gibt es das Kino im Keller unter der Gaststätte. „Ein Filmmuseum für Dreck“ hat jemand das Werkstattkino mal genannt. Brehmer lacht, er weiß auch nicht mehr wer das war. „Aber es stimmt schon, früher war es hier noch dreckiger und auch provokativer“, meint er. Die achtziger Jahre waren die wilde Zeit des Kinos, als sich hier noch Staatsanwälte unter das Publikum gemischt haben, um Filme wie den ersten „Chainsaw Massacre“ zu beschlagnahmen.

Nicht unbeschwert, aber gelassen sitzt Brehmer im Kinosessel. Einem alten Modell mit Cord-Überzug. Im Eingangsraum (den man schwerlich Foyer nennen kann) sind alle Generationen Kinostühle aufgebaut. Von den alten unbequemen Holzklappen über die mit Cord, hin zu den neuen schwarzen Sesseln im Kinosaal. Der Kellerraum war früher eine Kegelbahn, die zur Gaststätte gehörte.

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Wer hier hineingeht kommt verändert wieder heraus - Tür zum Werkstattkino.

Sarah Maier

Brehmer hat seine Filmerziehung im Münchner Filmmuseum genossen. Zwei Mal am Tag war er dort bestimmt, erzählt er, weil man dort wirklich in die Filmgeschichte abtauchen konnte: „John Ford am Montag, Jean Renoir am Dienstag und dann der Fassbender am Wochenende, das war unglaublich“, erzählt der 48-Jährige. Ins Werkstattkino ging es dann immer noch in die Spätvorstellung um 23 Uhr. Hier macht er nun seit zwanzig Jahren sein eigenes Programm und führt auch in anderen Münchner Kinos noch Filme vor. Jedes der Vereinsmitglieder kann im Werkstattkino eine Woche Programm gestalten, wie und wann es möchte, erklärt Brehmer. Er schert sich nicht um verkaufte Tickets. Diese Freiheit schätzt er und vor allem mache es das Besondere des Werkstattkinos aus. „Wir haben immer noch diesen Schnörkel hin zum Abartigen, zum Untergründigen und zum Abseitigen, das darf natürlich nicht verloren gehen“, sagt Brehmer. Nur die Spätvorstellungen gibt es nicht mehr, weil sich das Ausgehverhalten der Leute geändert habe. Genauso wie das ganze Viertel und eigentlich passt das Werkstattkino nicht mehr so richtig ins Glockenbach. „Wenn ich den Schaukasten draußen an der Tür befülle und wir spielen mal wieder eine olle Kamelle wie den ‚Schulmädchen Report‘ und auf dem Plakat taucht ein Nackedei auf, dann wird das kritisch beäugt und kommentiert von den jungen Müttern, die hier vorbeigehen“, erzählt Brehmer halb schmunzelnd, halb stirnrunzelnd. Trotz aller Veränderungen sieht Brehmer immer noch altbekannte Gesichter, die regelmäßig ins Kino kommen. Auch junge Leute sind wieder häufiger darunter „Das war eine Zeit lang anders, da hatten wir schon Angst, den Anschluss zu verpassen“, sagt Brehmer. Wenn er sein Programm macht, hat er meistens schon im Kopf für wen.


Text Vera Weidenbach
Fotos Sarah Maier
Lektorat Elisabeth Pohl
Gestaltung Vera Weidenbach
Mit Dank an Aesop Story Engine und Longform.
Eine Produktion von afk M94.5.
Impressum

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